Wildes Treiben

Die Kriecher-Bande hatte mal wieder Stress mit der Schnodder-Gang. Sie konnten sich nicht darauf einigen, wer über die Fliesen im Flur herrschen oder sich in Teppich und Polstergarnitur im Wohnzimmer breit machen durfte.

Karl Keim schrie „Ihr habt immer die frischen Schlammspuren inklusive Straßenschmutz und Kaugummiresten. Was habt ihr da zu meckern?“

Aber John, der Jüngste und Frechste aus der Schnodder-Gang konterte schnell „ Du willst also behaupten, dass ihr nicht genügend abbekommt, wenn der Perser oder Opas Lieblingssessel mit Krümeln und Hundehaaren übersät ist?!“ Bevor die hitzige Diskussion ausartete, kam Sam, der wuschelige Hundemix triefend nass, happy und matschig durch den Flur getapst. Er schüttelte sich, bekam als Belohnung ein knuspriges Leckerchen in die Schnauze gedrückt und ließ sich schmatzend mit einem tiefen Seufzer in sein Körbchen fallen. Die Schnodderer und Kriecher stürzten sich auf das Festmahl und der Revierkampf war erst einmal vergessen. 

Bakterien„Kiiiinder, Essen ist fertig! Jimmy, weg von der Türklinke. Du verdirbst dir den Appetit. Lukas, lass den Klodeckel in Ruhe. Kommt bitte an den Tisch und vergesst nicht euch die Hände vorher schmutzig zu machen. Das gilt auch für dich Schatzi!“. Aber Schatzi war gerade in das Fußballspiel vertieft, grub in der Schale mit Gammel-Popcorn und hörte seiner Ehefrau wenig bis gar nicht zu.

Frau Stinkowski war fix und alle. Mit den Nerven am Ende. Seit Stunden stand sie in der Küche und wirbelte wie ein Tasmanischer Teufel auf dem Küchenparkett. Sie hatte das tägliche Abendessen gemeistert und parallel köstliche Häppchen für das morgige Picknick gezaubert. Der kleine Jimmy tapste beleidigt Richtung Küche. Als er an der Toilette vorbeikam, sah er, wie Lukas mit einer genialen Technik in der Kloschüssel verschwand. Er brüllte ein lautes 'Jipiieeeh', nahm Anlauf, glitt am Deckel runter, schoss unter den Spülrand und platschte mit einer gewagten Rechtskurve ins Wasser. Jimmy war beeindruckt, wollte es seinem Bruder gleich tun und rannte los. Die ersten paar Zentimeter meisterte er wie ein Großer. Dann blieb er am glitzernden, blauen WC Stein hängen. Lukas kringelte sich vor Lachen.

„Iss' nicht witzig. Hilf mir lieber und hol mich hier runter. Was ist denn das für ein Ding? Riecht komisch“, Jimmy baumelte hilflos und peinlich berührt wie ein Blatt im Wind.

„Nicht anfassen! Wenn die Mama das sieht gibt es Ärger. Das blaue Ding macht uns sauber. Zwar nicht wirklich gründlich, aber ich habe keine Lust auf eine Standpauke oder, dass sie mir wieder  mein Smartphone einsackt. Halt still, ich komm runter.“

Während sich die komplette Familie Stinkowski nach und nach um den herrlich verklebten und siffigen Tisch versammelte, hatte Graf Max von Drecksack ganz andere Sorgen.

Er thronte im Kühlschrank und beobachtete seine Helferlein akribisch. Von seinem elitären Stammplatz im Butterfach konnte er alles und jeden beobachten und im strengen Ton an ihre Pflichten ermahnen. In einer Hand hielt er eine saftige Portion Erreger und schmetterte schmatzend und kauend seine Befehle in die Menge.

„Die oberste Ablagefläche kann durchaus noch schmieriger werden. Die Fächer von den Eiern sind zu sauber. Gestern ist dort ein Ei zerbrochen. Eine bessere Vorlage kann man sich doch nicht wünschen. Nun strengt euch mal ein bisschen an. Geht ran an die Quelle. Wie sieht denn die Tür aus? Vieeeel zu hygienisch. Das könnt ihr besser. Falls sich bis Morgen die Bakterien nicht mindestens verdoppelt haben, könnt ihr das Picknick vergessen.“

Seine kleinen Helferlein flitzten ins Obstfach. Machten sich an feuchte Stellen und schmuddelige Ecken ran und vermehrten sich eifrig. Winzige Tropfen und Reste von Sekt, Ketchup und Leberwurst wurden in Angriff genommen. Sie wurden verschlungen, schnellstens befallen und großzügig auf die Umgebung verteilt. 

Wenige Zentimeter entfernt, in der Nähe vom Herd, kicherten die Zwillinge Boris und Bernd Müffel. Die Hausherrin hatte mit extra heißem Wasser und einer Unmenge an Spülmittel das Holzbrett gewaschen und geschrubbt. Aber die Zwillinge wussten es besser.

Kaum war das Brettchen in der Schublade verstaut, fielen sie über ihr Opfer her. Sie machten sich in jeder Pore und Ritze breit, tobten sich übermütig aus und suhlten sich in den übriggebliebenen Bakterien. Die heiß geliebten Mikroorganismen wurden erst aufgepäppelt, verwöhnt und dann auf Ober- und Unterseite vom Schneidebrett gestreut. Die Zwillinge waren außer Rand und Band. Je mehr sie in ihre schleimigen Finger bekamen, desto aufgedrehter wurden sie. Sie waren im Rausch. Die letzten zehn 'Red Bull' hatten ihre Euphorie noch aufgepeitscht.

Graf von Drecksack hätte Boris und Bernd gerne in seinem Team gehabt. Schon seit Monaten versuchte er sie in seine Dienste zu locken. Aber jedes Angebot und jeder noch so flüssiger oder schmackhafter Bonus konnten die beiden nicht beeindrucken, Sie liebten ihre Freiheit und tobten sich lieber unabhängig im ganzen Haus aus. Man konnte sie einfach nicht in den Griff bekommen. 

Eine Etage tiefer im Keller liefen die Vorbereitungen für das Sonntagsfest ebenfalls auf Hochtouren.

Der Stresspegel war besonders hoch, weil die Party in diesem Jahr in Sauna und Pool stattfinden würde.

Die Organisation hatte Hugo Saubernix übernommen und er dachte gerade, dass er sich damit eventuell ein wenig übernommen hatte. Unter seinen Achseln roch es bereits nach Maiglöckchen und seine letzten echten Haare flatterten ihm frisch und duftend um die Ohren. Das hieß im Klartext: zu viel Stress... will nicht frisch unter die Leute... ich bin zu alt für diesen Job.

Aber er hielt durch. Unter seiner Leitung wurden die klammen Holzbänke in der Sauna verfeinert. Keime und Erreger durften nicht entkommen. Jede Kachel und Fuge wurde auf Schimmel und Infektion geprüft und bei Bedarf nochmal infiziert. Sauber- und Reinlichkeit waren für ihn ein Schimpfwort und nagten an seinem Stolz. Gegen zwei Uhr Morgens war alles perfekt mit Bakterien  übersät. Komplizierte, ansteckende Organismen waren liebevoll dekoriert und leuchteten strahlend  wie auf einer Feier für eine Fünfjährige. Hugo Saubernix kroch glücklich in sein handwarmes Viren durchtränktes Bett, schlief ein und schnarchte entspannt. 

Am nächsten Tag war das Fest bereits um elf Uhr in vollem Gange. Es wurde gelacht, getratscht und die vielen Köstlichkeiten von Frau Stinkowski mit Begeisterung verschlungen. Die Schimmelbällchen, der Keimsalat und der Pilzkuchen waren ein echter Erfolg. In dem Moment, als sich Lukas und Jimmy überlegten der Schnodder -Gang oder lieber der Kriecher-Bande anzuschließen, senkte sich eine riesige, dunkle Wolke über das Partytreiben. Die Hausherrin nährte sich stirnrunzelnd dem müffelnden Schmutzhaufen mit Lappen und Sprühflasche.

Graf Max von Drecksack hob seine gigantischen Hände und beruhigte die Menge „Keine Panik, vor der braucht ihr keine Angst zu haben. Das kenne ich. Viel Wischen und Sprühen, aber nichts dahinter.“

Allerdings zuckten Boris Müffel und sein Bruder schon beim ersten Spritzer zusammen. Das tat weh. Was war das?! Die letzten Reste vom Keimsalat fiel in sich zusammen. Das hochprozentige Würg-Bier wurde schal.

Alles verschwand. Schien sich in Luft aufzulösen. Siegmund Stinkowsi schrie panisch „ Das ist was Anderes. Rennt! Rennt!“

Jeder Gast packte seinen Koffer, Handtasche und Rucksack zuzüglich Stockflecken und Moder. Mit der Angst im Nacken aber einer realistischen Hoffnung auf ein neues ranziges und schmieriges zu Hause, ergriffen sie die Flucht.

 

Schmunzelgeschichte KonzentratPLUS 

 

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