Nur 6 Eier

 

Ein Tag vor den Feiertagen und die Leute drehen durch.

Ein zwei Personenhaushalt bunkert  Lebensmittel, als würde Ostersonntag- und Montag gefühlte zwei Monate andauern. 

Die Parkplätze vor dem Supermarkt sind restlos belegt. Autos stehen in zweiter Reihe, blockieren die Parkbuchten für Behinderte und jeder Grünstreifen wird rücksichtslos platt gewalzt. Alle zehn Kassen klingeln und piepen wie auf einer Kirmes. 

Eltern haben resigniert und lassen ihren Kindern freien Lauf. Die freuen sich ein Bein ab und schmeißen Schoki, Comichefte und Pommes nonstop in den hart umkämpften Einkaufswagen. Frisch verliebte Pärchen durchleben ihren ersten Streit. Bio, oder nicht? Markenprodukt oder No-Name? Wer bezahlt? Und schon steht die nächste Frage auf dem Einkaufszettel: Trennung oder nicht? Das letzte Glas Himbeermarmelade wird auf Leben und Tod  umkämpft.
 
Die Senioren feiern ihre eigene Ü-80 Party zwischen Paprika und Ananas. Sie haben Spaß und diskutieren mit ihren Bekannten aktuelle News über Hüfte, bunte Pillen und das katastrophale Fernsehprogramm. Das ganze Spektakel wird alle drei Minuten von der säuselnde Stimme im Lautsprecher überdeckt. Die Dame flötete die Angebote durchs Mikrofon, als hinge ihr Leben davon ab. Und dann kommt die Musikeinlage. Melodien, die niemand kennt und niemand hören möchte.
 
In all dem Trubel unterhalten sich Rita und Marlies. Tiefenentspannt. Unbeeindruckt von dem Geräuschpegel, oder dass sie den ganzen Gang für Konserven blockieren. Marlies erspäht einen Kunden und schüttelt den Kopf. Sie nickt auffällig zu dem jungen Mann und trompetet indiskret zu ihrer Freundin, die drei Zentimeter entfernt steht: „Ravioli! Wie kann man nur! Hat die Jugend denn gar keinen Geschmack mehr? Entweder ist er Single, oder seine Ehefrau ist eine von den Modernen. Die nicht kochen und lieber Karriere machen wollen.“ Rita nickt so heftig, dass die Nackenwirbel knacken.
 
„Meine Liebe, ich verstehe dich ja so gut. Mein Willi hat von mir niemals so eine ungesunde Fertigkost aufgetischt bekommen. Seine Frau  kocht zwar selber, aber frag nicht WAS.  Bei ihr heißt es nur biologisch, vegan, Makrokost usw. Da weiß man ja gar nicht, ob es sich um Nahrungsmittel oder eine medizinische Doktorarbeit handelt.“ Bei diesen Worten schnappt sie sich fünf Dosen Sechs-Sekunden Terrine.
 
Ihre Freundin greift ebenfalls beherzt zu und stachelt weiter „Meine Schwiegertochter verbietet Wolfi sogar das Rauchen im Haus. Sie entwickelt einen richtigen Tick. Desinfiziert und putzt in jeder freien Minute. Das kann doch nicht gesund sein.“ Rita hält beim Wochenangebot von 'Meister Popper' und verstaut drei Flaschen in ihrem Wagen. Dann folgt eine Familienpackung vom Desinfektionsspray 'Ätzend und gut'. Die beiden Damen tingeln im Schneckentempo weiter zur Wurst- und Fleischtheke. Die Schlange ist so lang wie die Chinesische Mauer. In einem Flüsterton, dass vier Kunden plus Bedienung alles hören können, streut Rita ihre Ansichten detailliert und präzise unters Volk. „ Ach guck mal Marlies. Dieses Kotelette hat genau die gleiche Farbe wie meine Wunde. Du weißt doch, als ich mich geschnitten habe und es partout nicht heilen wollte. Ja, da bin ich mir sicher. Schau mal, ist immer noch nicht richtig verheilt.“ Dann lüpft sie ihren Rock und entblößt für alle gut sichtbar (ob sie es sehen wollen oder nicht) ein adipöses, blassrosa Bein. Zwei Kunden vor ihnen verziehen das Gesicht und hauen ab. Rita rückt auf und fährt unbeirrt weiter „ Die Leute meinen ja, sie würden nie mehr Fleisch bekommen. Wir sind doch nicht im Krieg. Da siehst du mal, wo das Geld sitzt“ dann ist sie an der Reihe und lässt eintüten: ein Dutzend Bratwürstchen, drei Kilo Gulasch und Wurst, was die Auslage zu bieten hat. Marlies Bestellung bringst sogar ein ganzes Pfund mehr auf die Waage.
 
Jetzt steuern die beiden Grazien zielstrebig auf den Gang mit den Süßigkeiten zu. Das Thema Leid und Krankheit ist noch lange nicht abgehakt. Keine möchte klein beigeben und versucht mit Schmerzen, exotischen Diagnosen und dem besten Arzt die andere zu übertrumpfen.
 
Marlies bleibt bei den XXXL Tüten Gummibärchen stehen und schüttelt den Kopf.
 
„Meine Liebe kannst du dir vorstellen, dass mein Enkel schon zwei mal Karies hatte? Ist aber auch kein Wunder. Seine Mutter mästet ihn regelrecht mit dem ungesunden Zeug. Sie beschwert sich andauernd, dass sie ihm neue Hosen kaufen. Angeblich hätte der Kinderarzt gesagt, dass er für sein Alter übergewichtig sei. Pah, Ärzte, als wüssten die immer alles besser.“ Bei diesen Worten fliegen die Gummibärchen, dicht gefolgt von Pralinen, in den Wagen.
 
„Jaja, ich weiß, was du meinst. Meine Schwiegertochter wollte mir doch tatsächlich verbieten den Zwillingen etwas Leckeres zuzustecken, wenn sie zu Besuch kommen. Aber wer kann bei Enkelkindern schon Nein sagen?“ Sie macht es ihrer Freundin nach und rundet den eigenen Einkauf mit einer großzügigen Ladung Zuckerkram ab.
 
Nach zweieinhalb Stunden ist die Kasse erreicht. Sie drücken sich hinter eine altes Großmütterchen. Die hält mit der linken Hand ihren Rollator und in der Rechten zittert leicht ein Sechserpack Eier.
 
Dieser Anblick, eine Momentaufnahme von einer bescheidenen Seniorin, schlägt bei Rita und Marlies mit tausend Volt in die Magengrube. In ihre Herzen und das Gewissen. Ihnen wird das eigene Konsumverhalten bewusst. Ihre unbedachten Gedanken und das lockere Mundwerk.
 
Mit jedem Artikeln, das über das Band läuft und mit jedem Piepen der Kasse, wird ihre Stimmung gedrückter. Sie bezahlen, schleichen zu den Autos und sprechen kein Wort, bis alles verstaut ist. „Marlies?“ flüstert die Freundin „Am Ostermontag ist doch das Fest im Pflegeheim. Du weißt schon, was bald aus finanziellen Gründen schließen muss. Ich hätte das eine Idee.“
 
Ein kompletter Tag und eine Nacht wird gekocht, gebacken und sämtliche Freunde motiviert, sich an ihrem Überraschungsmenü zu beteiligen. Die Idee wird zuerst zögernd, aber dann mit vielen Händen umgesetzt. Oma. Enkelkinder und Schwiegertöchter legen sich ins Zeug. Arbeiten problemlos und mit Spaß miteinander.
 
Am Ostermontag fährt einen Kolonne von ausgelassenen Menschen vor das Pflegeheim. Laden aus, schleppen und dekorieren liebevoll die Tische.
 
Es wird ein wunderschöner Tag. Drei Generationen treffen aufeinander. Sie genießen das Essen, alte Geschichten, das Teilen und das Gefühl, mit wenig sehr viel erreichen zu können.
 
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